10 Dinge, die mich an Südafrika stören

Eines vorweg: Ich liebe Kapstadt, ich liebe Südafrika. Es ist meine Heimat, hier ist meine Familie. Und hier sehe ich meine Zukunft. Doch bei aller Liebe zu dem Land gibt es auch hier Dinge, die einem nicht gefallen. Dinge, die sich hier ändern müssen.

Die Tatsache, dass ich nun über diese Dinge schreibe, bedeutet nicht, dass ich das Land weniger mag. Doch man darf auch mal klar und ehrlich sein und den Finger in die Wunde legen. Denn all die Dinge fallen sicher nicht nur mir unangenehm auf. Und wer Südafrika noch nicht so gut kennt, der kann auch diese negativen Aspekte im Hinterkopf behalten. Denn sie entsprechen alle der Wahrheit und prägen meine Erfahrung in Südafrika, meiner Heimat – unserer Heimat!

Unangeschnallte Kinder

Es gibt wirklich nichts, was mich in Südafrika mehr stört. Es hat mich immer gestört und wird mir auch immer ein Dorn im Auge sein. Eine riesige Anzahl Eltern schnallt ihre Kinder im Auto nicht an. Und dies sind nicht nur Eltern in alten Golfs oder Toyotas. Auch in teuren BMWs oder Mercedes hüpfen Kinder oft bei über 100km/h auf der Rückbank herum, sitzen beim Beifahrer auf dem Schoß oder auf der Ladefläche eines Pick-Ups. Viele haben dies von ihren Eltern übernommen und meinen es gar nicht böse. „Was soll schon passieren.“ hab ich mehr als einmal gehört. „Na, Tod und schwere Verletzungen.“ möchte ich oft antworten.

Autosticker

Es hat mich so gestört, dass ich dies auch klar auf dem Kofferraum unseres Autos mitteilte. Inzwischen haben wir zwar ein anderes Auto, doch die Meinung bleibt. Eltern, die Ihre Kinder nicht anschnallen, möchte ich manchmal die Meinung geigen – vor dem Kindergarten, an der Shopping Mall oder an so ziemlich jeder Ampel. Ich wäre wohl sehr beschäftigt. Denn ich hasse es wie die Pest und werde es immer hassen!

Verkehr

Der Verkehr in Afrika ist sicher generell nicht mit dem Europas zu vergleichen. Und mit der Zeit gewöhnt man sich an die Unsitten des Verkehrs in der Stadt oder auf dem Highway. Hierzu gehört es, dass viele Fahrer nicht blinken, bei Rot an der Ampel noch schnell rüberfahren, Fußgänger nicht respektieren, auf dem Highway mit langsamer Fahrweise die schnelle Spur blockieren oder zu dicht auffahren. Es kommt schlicht öfter vor als in Deutschland. Man gewöhnt sich daran, doch ist es manchmal doch nervig, vor allem wenn man sich selbst meist an die Verkehrsregeln hält.

Soziale Absicherung

In Südafrika ist man größtenteils auf sich allein gestellt. Kindergeld? Gibt es nur ganz wenig, nämlich nur 20 Euro (!) im Monat für eine Mutter, aber auch nur dann, wenn das Kind keinen Vater hat. Arbeitslosengeld? Ja, aber sehr wenig. Rente? Ja, aber auch nicht viel. Krankenversicherung? Die ist nicht schlecht, doch eine komplette Rundumversorgung ist schon, vor allem am Gehalt gemessen, sehr teuer. Menschen, die sich etwa in Deutschland über das Arbeitslosengeld beschweren, wissen meist gar nicht, wie gut es ihnen geht und wie abgesichert sie sind.

Das Rollenbild der Familie

Die Rollen in einer Familie bzw. Ehe sind in Südafrika meist noch sehr klassisch verteilt. Der Mann geht arbeiten, die Frau versorgt die Kinder und schmeißt den Haushalt. Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich kann gar nicht aufzählen, wie oft ich verwunderte Blicke erhalte, wenn ich etwa allein mit unserem Sohn zum Kinderarzt gehe, was ich sehr oft tue. Der Sohnemann ist ein Papa-Kind und so übernimmt Papa auch die meisten Aufgaben – und das extrem gerne. Windeln wechseln, Essen machen, Gute-Nacht-Geschichte vorlesen – das volle Programm.

Eine Selbstverständlichkeit für mich, aber nicht unbedingt am Kap. Oft werde ich gefragt, wo denn Mama sei, wenn ich mit meinem Sohn allein unterwegs bin, warum sie nicht mit dem Kind beim Arzt, am Strand oder im Park ist. Auch bleibe ich oft Zuhause, wenn das Kind krank ist und Mama geht arbeiten. Und Mama erhielt schon verwunderte Reaktionen, wenn sie den Sohn allein mit Papa Zuhause ließ. Wie kann sie bloß? Das arme Kind in den Armen des liebevollen Papas lassen! Für viele ist es halt nicht normal, dass Papa aktiv die Erziehung übernimmt.

Und für viele ist es auch nicht normal, dass der Mann mal kocht, den Wischmop schwingt oder das Geschirr spült. Hier hinkt Südafrika vielen Ländern einfach noch hinterher.

Rassismus

Ein schwieriges Thema, ohne Frage. Besonders mit der Apartheid als Teil der Geschichte Südafrikas. Doch Rassismus gehört noch zum Alltag am Kap. Besonders deutlich wird dies, wenn Rassismus in sozialen Foren diskutiert wird. Selbst der Präsident und viele andere Politiker schüren eher den Rassismus als sich gegen ihn zu stellen. Das mag bei vielen von ihnen mit tief sitzenden Erfahrungen aus Apartheidszeiten zu erklären sein, doch hilft dies niemandem im Land.

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In meinem Blog über unsere Erfahrungen mit Rassismus habe ich bereits die unterschiedlichen Formen von Rassismus beschrieben, die auch wir hier erleben. Es braucht noch eine lange Zeit, bis der Rassismus hier in Südafrika überwunden ist. Und die junge Generation in Südafrika lässt einen hier sehr positiv stimmen.

Unzuverlässigkeit

In Südafrika herrscht nun mal die „African Time“. Termine und Absprachen werden meist ein wenig lockerer ausgelegt. Was im Freundeskreis ja noch meist hinzunehmen ist, wird in jedem Fall nervig, wenn Firmen bzw. Mitarbeiter von Firmen dieselbe Mentalität an den Tag legen. So kommt es relativ häufig vor, dass man einen Termin vereinbart, etwa mit einem Elektriker, Klempner, Fliesenleger, und die Person erscheint nicht zur vereinbarten Zeit. Ich selbst musste schon häufig auf Leute warten, sehr häufig.

Doch nicht nur Unpünktlichkeit kann zum Problem werden. Auch wenn man mit Firmen etwas vereinbart, etwa das Senden einer E-Mail oder einen Rückruf, und dies dann nicht geschieht, ist dies mindestens genauso frustrierend. Natürlich verhalten sich nicht alle Firmen so, doch ist es doch leider Alltag, dass man Firmen hinterherrennen muss, um zum Ziel zu kommen.

Kriminalität

Man gewöhnt sich schnell daran, dass man sich in Südafrika nicht so verhalten kann, wie etwa in Deutschland. Abends nach einer Feier nach Hause laufen? Undenkbar. Tür zum Haus auflassen? Niemals! Man muss in Südafrika deutlich vorsichtiger sein. Nach Einbruch der Dunkelheit sollte man nicht mehr auf der Straße unterwegs sein – Ausnahmen sind sehr belebte Plätze wie etwa die Waterfront in Kapstadt. Ein Spaziergang am Abend würde ich in keiner noch so guten Gegend wagen.

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Zudem sollte man stets darauf achten, keine teuren Dinge am Körper „zur Schau zu stellen“, sei es die riesige Spiegelreflexkamera, die neue Kette oder das teure iPhone. Besonders Touristen machen sich so zu einem Angriffsziel. Zwar sollte man nie mit Angst durch Kapstadt bzw. Südafrika laufen, doch ist in jedem Fall eine gute Portion Vorsicht geboten.

Bildungskosten

Bildung ist in Südafrika nicht umsonst. Zwar gibt es viele günstige staatliche Schulen, doch ist die Qualität der Bildung nicht überall gleich. Wer etwas Geld auf dem Konto hat, der schickt seine Kinder meist auf eine Privatschule. Wer seine Kinder beispielsweise an der deutschen Schule in Kapstadt anmeldet, der muss pro Monat mit Kosten von knapp 350 Euro rechnen. Andere internationale Schulen sind ähnlich kostenintensiv. Bei südafrikanischen Privatschulen ist man ebenfalls schnell bei 300 Euro oder mehr.

Auch das Studium kostet Geld. Die Kosten variieren hier je nach Universität. Man kommt etwa auf 2000 Euro Studiengebühren im Jahr. Dies können sich viele Südafrikaner nicht leisten, so dass seit Jahren für eine Abschaffung oder zumindest Reduzierung der Studiengebühren protestiert wird. Doch diese freie Bildung steht noch in weiter Ferne, da Südafrika dies finanziell wohl nicht stemmen kann. Wer also gute Bildung will, der muss zahlen.

Umweltverschmutzung

Umweltverschmutzung gibt es selbstverständlich überall auf der Welt. In den Jahren in Südafrika fällt aber schon auf, dass viele Menschen mit dem Thema Müll sehr unbedacht umgehen. Allzu häufig sieht man Menschen, die ihren Müll liegenlassen – am Strand, im Park, im Bus. Ganz besonders deutlich sieht man dies an der Küste und in den Vororten Kapstadts, wo oft unzählige Getränke- und Essensverpackungen an Zäunen hängen bleiben oder am Strand angespült werden. Dementsprechend grässlich riecht es dann auch.

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Daher gibt es hier etwa auch regelmäßige Aktionen zur Säuberung der Strände, bei der Menschen in Camps Bay, Clifton oder am Milnerton Beach die Verpackungen aufsammeln, die achtlose Menschen liegengelassen haben. Hier ist jeder Einzelne gefragt, das Land sauerzuhalten.

Politik

Ohne groß auf die Thematik einzugehen sind die Zeiten, in denen Südafrika stolz auf einen Präsidenten und die Regierung, wie zu Nelson Mandelas Zeiten, sein konnte, lange vorbei. Was von der aktuellen Regierung in Erinnerung bleiben wird, sind Korruption, Misswirtschaft und die Förderung von Armut und Rassismus. Seit 2018 hat Südafrika einen neuen Präsidenten und die Hoffnung im Land hält sich zwar in Grenzen, aber sie ist da.

Kein Land ist perfekt, so dass es überall Dinge gibt, die einem nicht gefallen. Man muss somit stets für sich selbst entscheiden, ob man mit den negativen Seiten eines Landes leben kann. Ich liebe Südafrika trotz seiner Probleme und nenne es mein Zuhause.

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2 Comments on “10 Dinge, die mich an Südafrika stören

  1. Ich bin mit 19 Jahren nach SA ausgewandert,und habe noch die harte Zeit
    der Apatheit mitbekommen.
    1974-1976 ,bis die Aufstände waren.
    Viele haben nur einen Flug nach Europa
    Haben wollen,und Jan Smuth Airport
    War voll ohne Ende.
    Aber es war trotzdem eine wunderschöne Zeit,mit Höhen und Tiefen.
    Sorry,ich bin Jahrgang 1954

  2. Lieber Jo und Familie, jetzt mal –wie versprochen- kurz meine Meinung zu den 10 Dingen.
    Ich bin immer wieder froh, wenn es Leute wie Dich Jo gibt, die nicht nur alles Schwarz-Weiss sehen oder in unserem speziellen Fall: Nicht nur Entweder-Oder. Darum gefällt es mir sehr, wenn auch mal über andere Dinge als Wetter, Landschaft etc. geredet wird.
    Ich würde allerdings die Reihenfolge bei den 10 Dingen ändern. Reihen erscheinen immer wie Prioritäten –bzw. Wichtigkeitslisten und darum würde ich sortieren.
    Ich selbst habe, als wir um das Jahr 2000 in Johannesburg anfingen u.a. als Erstes gedacht: Warum kommen so viele junge Leute aus den Provinzen wie Mpumalanga etc. und sprechen kein Englisch.
    Die, in unserer Historie, Zeit der Aufklärung im 17. und 18. Jh. wusste schon, dass Bildung der Schlüssel zu einem besseren Leben ist. Genau dies war auch die Devise aller Befreiungsbewegungen auf dem Afrikanischen Kontinent und NUN???
    Solch’ eine Möglichkeit: Der Übergang von einer Apartheit-Regierung zu einer ANC-Regierung! Und das Wichtigste bleibt auf der Strecke.
    Die Bildung ist teuer und für die Mehrheit schlecht. Damit sind alle Voraussetzungen geschaffen Armut, Not, Korruption, Vetternwirtschaft uvm. weiterzuführen.
    Philosophisch im Sinne der Dialektik Ursache und Wirkung.
    Herzlich K.

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